Andere Länder, andere…s wissenschaftliches Arbeiten.

Es dauert für gewöhnlich sehr sehr lange, bis man es schafft, mich so richtig wütend zu machen. Meine Dozentin im Seminar „The History of the English Language“ hat es geschafft – und zwar innerhalb von wenigen Minuten.

Um meine Credits für das Seminar zu bekommen, musste ich mit einer Tschechin und drei Griechinnen Chaucer’s „Nun’s Priest’s Prologue & Tale“ aus dem Mittelenglischen ins moderne Englisch übersetzen und eine linguistische Analyse der Verben aus zwölf Zeilen eben dieses Werkes verschriftlichen und präsentieren. Ich will mal nicht näher auf die Tatsache eingehen, dass die griechischen Kommilitoninnen sich im zweiten von vier Studienjahren befinden und dies nicht nur ihr erstes Research Paper, sondern auch ihre erste Präsentation war. Klasse.

Um das direkt vorwegzunehmen: Wir bekamen neun von zehn Punkten. Das ist super und darum geht es auch gar nicht.

Was mich maßlos ärgerte, war die Art der Dozentin, Noten festzulegen und Kritik zu üben: Die Präsentationsgruppe, die vor uns an der Reihe war, war – gelinde gesagt – grottenschlecht. Keine Struktur, schlechte Übersetzung, statt freiem Vortrag Mitschrift abgelesen mit Blatt direkt vorm Gesicht. Zur Benotung wurde auch der Rest der Seminarteilnehmer mit einbezogen. Und zwar derart: Die Dozentin fragte im Anschluss an das Referat, ob jemand Fragen hätte. Niemand meldete sich. Darauf erklärte die Dozentin, wenn keine Fragen gestellt würden, würde die Präsentationsgruppe durchfallen. Wie bitte? Ein perfektes Referat lässt keine Fragen offen. Dachte ich zumindest bisher. Nachdem drei Fragen gestellt wurden, bekam die Gruppe zehn von zehn Punkten. Warum, hab ich nicht verstanden.

Unser Vortrag wurde zum Desaster – meiner Meinung nach. Ich wollte uns vorstellen und unser Thema samt Vorgehen erläutern, wurde jedoch von der Dozentin unterbrochen, damit sie an meiner Statt unsere Namen nennen konnte und uns dann bat, uns doch in der Reihenfolge ihrer Namensnennung aufzustellen. Bin ich im Kindergarten?

Unsere Übersetzung war fehlerfrei, unser Vortragsstil frei, verständlich und strukturiert. Die Tschechin und ich hatten die Griechinnen im Vorhinein instruiert und es hat geklappt. Blöderweise wurde jede von uns nach ungefähr 30 bis 90 Sekunden von der Dozentin abgebrochen, die das nächste Thema hören wollte. Meiner Berechnung nach ergeben 15 zur Verfügung gestellte Vortragsminuten geteilt durch fünf Referenten drei Minuten Präsentationszeit pro Person. Aber dass die Uhren in Griechenland anders ticken, habe ich ja schon gelernt.

Im Anschluss an unseren Vortrag sagte die Dozentin, da unsere Vorgänger zehn Punkte bekommen hatten, müssten wir eigentlich 20 Punkte bekommen. Sie hätte noch nie ein so wohl strukturiertes und – von einigen – so selbstbewusst und frei präsentiertes Referat gesehen. Meine Verwirrung stieg. Warum hatte sie dann ständig abgebrochen?

Dann meinte sie, was unser Research Paper anginge, müssten wir eigentlich durchfallen. WAS?! Wir hätten viel zu viele Definitionen drin, die wir eigentlich beim Leser als Grundwissen voraussetzen müssen. Das wusste ich. Aber wie sonst, fragte meine tschechische Kommilitonin sie, sollen wir mit einer Analyse von zwölf Zeilen 30 Din A4 Seiten füllen? Sie solle still sein, antwortete die Dozentin, sie würde alles nur noch schlimmer machen. Wie bitte? An was für einer Uni sind wir denn hier, in der man nicht diskutieren und Standpunkte vertreten darf? Maulkorb? Super.

Nach einigen anderen Kritikpunkten, von denen ich einige auch durchaus nachvollziehen konnte, kam sie schlussendlich zu meinem – dem letzten – Part des Research Papers. Las laut meine Überleitung zum Kapitel vor:

„A thorough linguistic analysis of Geoffrey Chaucer’s The Nun’s Priest’s Prologue & Tale from the Canterbury Tales requires not only the reflection of grammatical but also of phonetic aspects and their derivation from the Old English period. In the following the main characteristics of the pronunciation and spelling…“

Lacht darüber und fragt, wo ich das her habe. Wie, wo ich das her habe? Ich antwortete, das sei meine eigene Überleitung zum Thema. Sie grinste süffisant und belehrt mich, ich müsse bei einem Research Paper zitieren. Das wisse ich, antwortete ich, und wenn sie weiter lese, könne sie sehen, dass in ungefähr jedem zweiten Satz eine Quellenangabe zu finden sei. Sie insistierte, dass ich auch die Einleitung zitieren müsse. Ich insistierte zurück, dass die Einleitung meinem logisch denkenden Hirn entspringe und ich demnach nicht zitieren könne. Da grinste sie überheblich und meinte wörtlich: „Girl, I know you just want to be poetic. But this is science. Get rid of poetic introductions.“

Ich kochte. Den Unterschied zwischen Poesie und Wissenschaft kenne ich sehr genau. Und wenn sie der Meinung ist, diese Einleitung sei poetisch, dann ist sie die unpoetischste Person, die ich jemals kennengelernt habe. Und zu allem Überfluss fügte sie noch hinzu, wir sollten nun keine weiteren Entschuldigungen finden, sonst würden wir durchfallen. Diskussion und Entschuldigung sind für mich allerdings zwei Paar Schuhe. Ersteres dient dazu, Standpunkte zu vertreten und herauszufinden, ob man sich auf eine gemeinsame Meinung einigen oder zumindest einander verstehen kann. Letzteres tue ich, wenn ich der Meinung bin, etwas falsch gemacht zu haben. Was in diesem Fall – diese Arroganz erlaube ich mir – nicht zutraf.

Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Wir bekamen neun von zehn Punkten und (von der Dozentin!) den Hinweis, Definitionen aus dem Research Paper zu streichen und um die Leerstellen bis zu 30. Seite zu füllen, einfach die Tabellen, die Schriftgröße und die Zeilenabstände zu vergrößern. Ich habe den Seminarraum sprachlos verlassen und musste mich und meine tschechische Kommilitonin zur Beruhigung mehrfach daran erinnern, dass wir eben Gäste an einer fremden Uni in einem fremden Land seien, und die Dinge hier offensichtlich anders funktionieren. Studieren bedeutet hier scheinbar: Kopf ausschalten, reproduzieren und Klappe halten. Kein Wunder, dass die Studenten hier streiken müssen, um was zu bewirken. Ebenbürtiges Diskutieren kennt man hier offensichtlich nicht.

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10 Antworten to “Andere Länder, andere…s wissenschaftliches Arbeiten.”

  1. Thomas Says:

    „Girl“… DAS schlägt dem Fass den Boden aus. Die Story ist krass, aber dich dann mit „Mädel“ anzusprechen, ist ne Frechheit. Halt die Ohren steif…

  2. zumhorizont Says:

    Nun ja, an was das betrifft, muss ich die gute Frau (leider) in Schutz nehmen. Hier in Griechenland werden mehrere junge Menschen von einer älteren Person als παιδιά (Kinder) und junge Frauen als κορίτσια (Mädchen) adressiert, ohne dass es herablassend gemeint ist.
    Jaja, es ist so einiges so anders hier…

  3. Michael Brächer Says:

    Ich glaube, ich wäre geplatzt und hätte dankend auf den Schein verzichtet, auch wenn das für meine Mitreferenten zum Problem geworden wäre. So ungefähr ab der Stelle, wo von „zu vielen Definitionen“ die Rede ist. Insofern: Respekt für soviel Coolness im Angesicht des Feindes!

  4. Dude Says:

    Puh, Gottkönige anstatt Dozenten, was? Das würde mir auch sauer aufstoßen…

  5. panchita Says:

    für dich wars sicher schlimm, aber ich musste den ganzen beitrag durch lachen. wie in nem skurrilen albtraumfilm. fehlte nur noch, dass ihr am ende nackt da standet !)

  6. carrry Says:

    „Um eine lange Geschichte kurz zu machen:“ — wie schön, du denkst inzwischen auch eher englisch oder?
    ansonsten ja, krasse nummer, was so für unterschiedliche wissenschaftlich standpunkte international unterwegs sind. ist dass denn regulär so, oder hast du ein besonders exotisches exemplar ‚wissenschaftliche“ pädagogin vor dir gehabt?

  7. concierge Says:

    Das bewundere ich ja an dir, Lisa. Ich wäre wahrscheinlich schon nach der zweiten fragwürdigen Unterbrechung innerlich geplatzt und hätte spätestens beim Disput um die Einleitung den Raum verlassen.

  8. carrry Says:

    die griechen in schweden haben sehr schockiert geguckt als ich das so erzählte, scheint nicht die regel zu sein. die eine aus thessaloniki meinte auch, da an deiner uni gibs auch echt n paar spezialisten die noch sehr im letzten jahrhundert leben..

  9. Ole Weigmann Says:

    *öhem* *hust*

    tja Lisa…

    😀

  10. T.Th. Says:

    … diese art „wissenschaftlichen“ arbeitens kommt mir sehr bekannt vor — ich glaube, das ist in griechenland tatsächlich weit verbreitet. aber es gibt auch gegenteilige beobachtungen. so habe ich selbst in Athen zwei seminare gehört (eins über Hölderlin, eins über Kant), die beide erstens komplett in deutscher sprache gehalten wurden (davon könnten sich deutsche unis eine scheibe abschneiden!) und zweitens auf allerhöchstem niveau angesiedelt waren.

    ach übrigens: eine typisch … griechische überschrift hast du gewählt 😉

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